Glitzerregen.

 

In dieser Gegend schüttet man das Wischwasser auf der Straße aus. Der Nachbar klingelt am Samstagabend nicht weil die Musik zu laut ist, sondern weil er wissen möchte wie das Album heißt.

Tritt man vor die Tür ist die Luft klar und warm zugleich. Sie befindet sich in einem stetigen Durchmischungsprozess von warmtrocken und kaltfeucht. Es ist wunderbar. Der Himmel ist morgens um halb neun jetzt immer blau. Bei mir vor der Tür gibt es um diese Zeit auch immer irgendwo ein Rechteck aus Kondensstreifen zu sehen, was wie aus dem Nichts, als sei es nur für mich dorthin gemalt worden, sanft in der unbeschreiblichen Ruhe des Morgens dahin zieht.

Die Jahreszeiten sind hier verwirrend. Der Herbst beginnt immer womit der Frühling endet und der Sommer ist auf einmal weg. Wie und womit er anfing, kann man nie genau bestimmen. Es gibt hier keine Junihitze. Die Bäume blühen immer zwei Wochen später und so wie es mit dem Sommer ist, so macht es eigentlich auch der Winter. Man weiß nie wann er richtig da ist. erst wenn er fast zu Ende ist bemerkt man ihn. Hier regnet es auch fast täglich, aber nie viel. Er gehört einfach dazu, der liebe Regen.

Ich kenne keine andere Stadt, in der auch nur eine einzige Kreuzung einen solch futuristisch hochtrabenden Namen besitz. Alles andere scheint hier immer später erledigt zu werden. Es gibt hier noch immer Rundfunkempfang via Antenne. Unglaublich, ich hatte mich schon schwermütig davon verabschiedet. Keine andere Stadt hat so wenige Bäume und doch kann man sich im Herbst mit Kastanien ein Haus bauen.

Ich stehe im strömenden Regen an der Kreuzung, die ihrem Namen nach in Europa liegt und dorthin führt und nie wieder weg. Es strömt richtig. Man steht hier immer ewig wenn es regnet. Mich stört das nicht mehr sonderlich, der Regen macht etwas, was unbeschreibliches. Ich verbinde zu viel mit ihm. Seit dem ich hier her kam kann ich mich an keinen Regentag erinnern, der nicht irgendetwas Sonderbares hervor brachte.

Es müsste gleich grün werden, da piepst eine Stimme neben mir: „bist du die Hexe aus Småland?“ ich erschrecke, HEXE? Ich schaue nach unten. Ein kleines Mädchen mit roten Herzen auf einem blauen Regenmantel und lila Stiefeln schaut mich erwartungsvoll an. Die braunen Mandelaugen leuchten und wollen unbedingt ein „Ja“ von mir hören. Zögernd antworte ich mit „vielleicht, vielleicht nicht, woran glaubst du mich erkannt zu haben?“ Inzwischen waren wir durch den Regen über die Kreuzung gehuscht. Ich hab vergessen wo ich eigentlich hin wollte, mal sehen vielleicht bin ich ja wirklich die kleine Hexe aus Småland, dann ist es auch nicht mehr wichtig wo ich gerade hin wollte. Ich überlege kurz und schätze die Göre auf höchstens fünf Jahre. „Also erst einmal, also bevor ich dir sage wer ich bin, sagst du mir mal wo du eigentlich hin möchtest, dann werde ich dich ein Stück begleiten. Aber wehe du flunkerst.“ „Na gut“ piepst es. Sie dreht nervös an den triefenden Strippen ihres Mantels, ich sehe wie sie hin und her überlegt was sie nun sagen soll. „Also, ich bin hier eigentlich mit meinem Großvater, aber Großvater wollte nicht mit mir spielen, da bin ich einfach in den Regen gelaufen.“ Das klingt schon mal nach ein wenig Unwahrheit. „Großvater erzählt immer tolle Geschichten, also auch Geschichten die eigentlich gar keine sind, weil sie nämlich auch in der Wirklichkeit zu Hause sind.“ Ich überlege wieder, das klingt jetzt nach einem verrückten Großvater, der gerade seine Enkelin mutterseelenallein im Regen spazieren lässt. „Hm und du bist sicher das Großvater sich nicht Sorgen um dich macht?“ „Was ist Sorgen machen?“ ich erklärte der Kleinen dass ihr Opa wahrscheinlich nicht weiß wo sie jetzt gerade ist und bestimmt Angst darum hat, ihr könnte etwas zustoßen sein oder sie kenne nicht den Weg zurück. Da piepst es ganz selbstsicher „na aber ich hab doch jetzt die Hexe aus Småland gefunden, da kann ja gar nichts passieren und außerdem ist Großvater selbst schuld, dass ich jetzt hier draußen bin. Und vor allen Dingen wollte ich dich treffen, du bist auch schuld das ich jetzt hier draußen im Regen bin.“ Ich dachte nach. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen dass jemand, dem man ein Kind anvertraut, es einfach so in den Regen laufen lässt, noch dazu so allein. Ich darf sie jetzt nicht verjagen denke ich und muss einfach mal eine Hexe sein. (Doch leider kenne ich die Hexe aus Småland nicht.) „Wie hast du mich eigentlich erkannt? Und woher wusstest du wo du suchen musst?“ sie zögerte, strich sich die nassen Haare aus ihrem niedlichen Gesicht sah mich durchdringend an und erklärte mir selbstbewusst, dass nur die Hexe aus Småland bei Regen hinaus geht. Alle anderen Hexen täten das niemals und auf gar keinen Fall. Die Hexe aus Småland ist wohl auch die einzige Hexe die nicht bei rot über die Straße fliegt und es sei ohne hin die liebste im ganzen Land. Und sie geht auch immer bei Regen raus, egal wie kalt es ist und egal ob Tag ob Nacht. Sie sei eine ganz besondere Hexe, die man eben nicht sofort erkennen kann. „Und du hast eben so ausgesehen, wie Großvater das immer beschreibt. Es gibt ja auch nicht viele liebe Hexen auf der Welt die meisten sind böse und würden nie mit Kindern reden und schon gar nicht wenn es regnet. Und heute da hat Großvater einfach nichts gemacht. Er hat nicht einmal geschimpft als ich alle Pfennige die er immer in einem riesigen Krug sammelt, als Glitzerregen in der Stube verteilte.“ Jetzt weiß ich plötzlich wieder wo ich hin wollte und der Regen hört auch auf. Ich wollte dringend zur Bank, aber ich kann dieses Mädchen jetzt nicht einfach allein weiter laufen lassen, das wäre nicht meine Art. „Also gut. Du bist von deinem Großvater weggelaufen und wo du hin eigentlich hin wolltest weißt du nicht so genau. Weißt du denn wie der Weg zurück geht? Oder wie die Straße heißt in der Großvater wohnt?“ Ich flehe ich hoffe ich schicke Stoßgebete gen Himmel, dass jetzt eine brauchbare Antwort kommt. „Ich weiß sehr wohl wo ich hin wollte“, dabei griff sie sich in die Tasche und zog eine Handvoll Münzen heraus und aus der anderen auch. „Ich wollte einkaufen gehen, dass Opa sich freut und vielleicht wieder eine Geschichte erzählt. Ich wollte ihm einen leckeren Kuchen mitbringen und Brot, er liebt Brot. Brötchen findet er doof und sagt immer die wären was für Taugenichtse.“ Langsam zweifele ich an dem Wahrheitsgehalt dieser Geschichte. „Und dein Großvater hat dir das erlaubt?“ wieder fummelt sie nervös an ihren Strippen „Ich weiß nicht genau. Großvater hat ja einfach nichts mehr gesagt“.

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Ein Gedanke zu “Glitzerregen.

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