Wir machen keinen Punkt, wir machen höchstens einen Gedankenstrich.

Semikolon.

Und wie wir im Traum auf einer Wiese sitzen, auf die mit Brettern umstellte Volksbühne starren, kommt es mir vor, als wäre es wirklich der letzte Sommer gewesen. Das Holz glänzt unfassbar in der Sonne, man kann nicht anders als hinschauen. Das ist gut für den Kopf, der noch immer vom Wodka, aber vor allem von der letzten Nacht, bebt. Der Ton, die Attitüde, sie gehen nicht weg. Im Kopf sind wir noch einmal 15, entdecken gerade unsere Welt und alles ist bunt und unendlich. Wir fühlen diesen Style, als fühlten wir noch nie so etwas wie Style. Der ganze Körper kribbelt, das Gesicht glüht. Wir brauchen kein Styling.

Jedenfalls wie wir da so sitzen, sag ich zu dir „ich wollte dich Gott verdammt noch mal vergessen, weshalb lässt du nicht einfach los?“ etwas mehr fasst du mir auf mein Schneidersitzknie, so dass fast die Eisschokolade zerbricht, schaust in meine Augen, die wie deine aussehen „bist du wahnsinnig?“ Nein denk ich, aber ich werde es demnächst. In ganz Mitte gibt es ab sofort, für diesen Sommer, nur noch Eisschokolade. Die Kaffeemaschinen und Zapfhähne stehen still. Wer hier irgendetwas Flüssiges zu sich nehmen will, bekommt nur Eisschokolade. Dies ist ein Aufschrei der Cafébesitzer, ich finde es völlig in Ordnung, ich liebe Eisschokolade. „In der heutigen Zeit, weißt du, schau sie dir doch alle an. Selbst die Cafés regen sich auf, der ganze Avatar und Second Life Scheiß, da ist es doch wunderbar das wenigstens wir verliebt sind, und zwar richtig.“

Tatsächlich, sie machen das mit der Eisschokolade nur, weil sie nicht mehr können. Sie können die leblosen Gestalten in ihren Läden nicht mehr ertragen, die sie täglich belagern und eine unheimliche Ruhe und Stille verbreiten, die nur vom Tippen und klicken leicht untermalt wird. Sie wollen, dass die Leute nach denken, blöd schauen, Eisschokolade?

Eisschokolade hat etwas mit Teenagerzeit, mit verliebt sein, mit Jugend, mit endlosen Sommern und all dem schönen Leben zu tun. Da haben sie verdammt recht.

Jedenfalls fährst du fort, und bei dem Wort verliebt muss ich ganz doll husten, ich schäume fast. Du sagst, es sei wie unsere Schutzmauer gegen all das unwirkliche, wir schützen uns in dem wir verliebt sind und es nicht mal jemand richtig weiß, oder jemals auf die Idee käme das zu denken. Wir haben ja quasi schon diese Unwirklichkeit für uns selbst erschaffen, wir brauchen kein Second Life, wir haben bereits eins, sagst du und ich starre auf die Brettermauer. Vor ihr tanzen mittlerweile drei Gestalten, ganz in weiß. Sie sind schön. Wir schauen sie an, sie machen Bilder von sich, sie haben einen Schirm und eine große weiße Platte. Du starrst und ich starre und wir unterhalten uns, als würden wir erst den weißen Gestalten unsere Geschichte erzählen, die sie uns dann zurück erzählen. Es ist wunderschön, unserer Leben in der Unwirklichkeit, das wollen wir um Himmels Willen niemals los lassen, wir machen bunt fröhlich weiter, werden rot vor Freude, schauen, drücken, winken und bis zum nächsten Mal.

Jetzt klingelt mein Telefon, ich stürze die Leiter herunter, irgendwas riecht nach Himbeergeschmack und ich geh nicht ran.


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