Aufgeschlagen

Eingewickelt in eine Decke schleiche ich vorsichtig durch den Gang. Das Atmen fällt mir schwer. Immer wenn sich mein Brustkorb hebt und senkt, fühlt es sich an, als wären anstelle der Knochen winzige kleine Nadeln da, die sich in ihre Umgebung bohren.

Jede kleinste Regung tut weh.

Meine Luftröhre ist nicht mehr wirklich gut zu gebrauchen, was mache ich nur. Immer wieder kommt ein wenig Blut, dann schlafe ich ein, auf diesem Gang. Ich weiß nicht ob es wirklich Schlaf war. Ich sinke zu Boden, die Beine kribbeln, sie können nicht mehr. Alles ist weg, die Zeit, der Raum. Ich weiß noch wer ich bin und das ist das schlimmste. Ich weiß wer aber nicht wo ich bin. Meine Kleider sind vollständig eingetauscht, ich habe so etwas Ähnliches wie einen Badeanzug mit langen Ärmeln an und eine Decke.

Mein Mund ist nicht mehr mein Mund. Er fühlt sich doppelt so groß an, alles drückt pocht und mir ist heiß, doch ich friere. Langsam nehme ich mit der rechten Hand meine linke Hand, sie ist noch da. Ich spüre mich. Mit geschlossenen Augen taste ich mein Gesicht ab.

Es glüht, ich fühle Haut, rohes Fleisch, aufgeschlagene Lippen und eine Nase, die bei jeder Berührung verdammt wehtut. Was ist das? Was mache ich nur? Der Gang ist immer noch der Gang, ich bin allein, ich höre nichts außer meinen Blutkreislauf und das dazugehörige Herz. Mein Körper rutsch mir weg, ich habe das Gefühl er kann nicht mehr. Doch das geht nicht, das darf ich nicht zulassen. Ich stehe wieder auf, will weiter laufen, die Decke wird immer schwerer. Ich halte sie trotzdem fest. Ich schlürfe wie ein Zombie durch dieses Gebäude, von dem ich nichts weiß. Es ist unfassbar, ich will aufwachen, doch ich spüre dass das hier verdammt echt und absolut nicht mein Ding ist.

Solche Abenteuer waren mit 15 vielleicht lustig. Langsam werde ich ungeduldig, verrückt und habe Angst. Krampfhaft versuche ich meinen Körper nicht zu verlieren. Ich tropfe Blut, ganz langsam, aber es tropft. Das zittern wird zum beben, ich will nicht weinen, das kostet Flüssigkeit, die ich nicht habe. Wenn ich jetzt anfange zu weinen, denk ich, ist das das Ende. Ich versuche zu reden, den Mund zu öffnen und Wörter zu formen. Es geht erst nicht. Ich raste fast aus, die Angst wird auf einem Mal zur Wut. Gut so, ich spüre wieder etwas Kraft. Dann klappt es. Ich sage zu mir, dass alles gut wird. Ich bin hier, es ist egal wo du bist, was du machst ist wichtig. Das sage ich gefühlte tausendmal, während ich durch dieses Gebäude schleiche. Diese Wörter halten mich, ich fühle sie als Teil von mir und weiß, dass ich lebe. Ich will nicht weinen, aber die Angst. Was mache ich? ich will schreien, doch schreien geht nicht, nur flüstern kann ich. O.K. ich sage noch ein Mal die Wörter. Danach fange ich an zu beten. Ich sitze mittlerweile wieder. Diesmal in einem großen Raum, es ist hell hier. Tageslicht denk ich, ich trinke das Tageslicht. Ich stelle mir vor wie es fließt. Ich bin so froh, dass die Phantasie wenigstens noch klappt, aber noch bin ich nicht soweit, dass ich vergessen kann, dass das hier nicht gut sein kann.

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