DIE KLEINEN LEUTE VON SWABEDOO

Zum ersten Mal mit Fünfzehn gehört und bis heute nicht vergessen ♥

Verfasser unbekannt:

DIE KLEINEN LEUTE VON SWABEDOO

Vor langer, langer Zeit lebten kleine Leute auf der Erde. Die meisten von

ihnen wohnten im Dorf Swabedoo, und sie nannten sich Swabedoodahs.

Sie waren sehr glücklich und liefen herum mit einem Lächeln bis hinter

die Ohren und grüßten jedermann.

Was die Swabedoodahs am meisten liebten, war, einander warme, weiche

Pelzchen zu schenken. Ein jeder von ihnen trug über seiner Schulter

einen Beutel und der Beutel war angefüllt mit weichen Pelzchen. So oft

sich Swabedoodahs trafen, gab der eine dem anderen ein Pelzchen. Es

ist sehr schön, einem anderen ein warmes, weiches Pelzchen zu schenken.

Es sagt dem anderen, daß er etwas Besonderes ist es ist eine Art

zu sagen „Ich mag Dich!“ Und ebenso schön ist es, von einem anderen

ein solches Pelzchen zu bekommen. Du spürst, wie warm und flaumig

es an deinem Gesicht ist, und es ist ein wundervolles Gefühl, wenn du

es sanft und leicht zu den anderen in deinen Beutel legst. Du fühlst. dich

anerkannt und geliebt, wenn jemand dir ein Pelzchen schenkt, und du

möchtest auch gleich etwas Gutes, Schönes tun. Die kleinen Leute von

Swabedoo gaben und bekamen gern weiche, warme Pelzchen, und ihr

gemeinsames Leben war ganz ohne Zweifel sehr glücklich und fröhlich.

Außerhalb des Dorfes, in einer kalten, dunklen Höhle, wohnte ein großer,

grüner Kobold. Eigentlich wollte er gar nicht allein dort draußen wohnen,

und manchmal war er sehr einsam. Er hatte schon einige Male am Rand

des Dorfes gestanden und sich gewünscht, er könnte dort mitten unter

den fröhlichen Swabedoodahs sein aber er hatte nichts, was er hätte dazutun

können und das Austauschen von warmen, weichen Pelzchen hielt

er für einen großen Unsinn. Traf er einmal am Waldrand einen der kleinen

Leute, dann knurrte er nur Unverständliches und lief schnell wieder zurück

in seine feuchte, dunkle Höhle.

An einem Abend, als der große, grüne Kobold wieder einmal am Waldrand

stand, begegnete ihm ein freundlicher kleiner Swabedoodah. „Ist

heute nicht ein schöner Tag?“ fragte der Kleine lächelnd. Der grüne Kobold

zog nur ein grämliches Gesicht und gab keine Antwort. „Hier, nimm

ein warmes, weiches Pelzchen, sagte der Kleine, „hier ist ein besonders

schönes. Sicher ist es für Dich bestimmt, sonst‘ hätte ich es schon lange

verschenkt.“ Aber der Kobold nahm das Pelzchen nicht. Er sah sich erst

nach allen Seiten um, um sich zu vergewissern, daß auch keiner ihnen

zusah oder zuhörte, dann beugte er sich zu dem Kleinen hinunter und

flüsterte ihm ins Ohr: „Du, hör mal, sei nur nicht so großzügig mit deinen

Pelzchen. Weißt du denn nicht daß du eines Tages kein einziges Pelzchen

mehr besitzt, wenn du sie immer so einfach an jeden, der dir Ober den

Weg läuft, verschenkst?“

Erstaunt und ein wenig hilflos blickte der kleine Swabedoodah zu dem

Kobold hoch. Der hatte in der Zwischenzeit den Beutel von der Schulter

des Kleinen genommen und geöffnet. Es klang richtig befriedigt, als er

sagte: „Hab ich es nicht, gesagt! Kaum mehr als 217 Pelzchen hast du

noch in deinem Beutel. Also, wenn ich du wäre: ich würde vorsichtig mit

dem Verschenken sein!“ Damit tappte der Kobold auf seinen großen,

grünen Füßen davon und ließ einen verwirrten und unglücklichen Swabedoodah

am Waldrand zurück. Er war so verwirrt, so unglücklich,

daß er gar nicht darüber nachdachte, daß das, was der Kobold da erzählte,

überhaupt nicht sein konnte. Denn jeder Swabedoodah besaß einen

unerschöpflichen Vorrat an Pelzchen. Schenkte er ein Pelzchen, so bekam

er sofort von einem anderen ein Pelzchen, und dies geschah immer und

immer wieder, ein ganzes Leben lang wie sollten dabei die Pelzchen ausgehen?

Auch der Kobold wusste das doch er verließ sich auf die Gutgläubigkeit

der kleinen Leute. Und noch auf etwas anderes verließ er sich, etwas,

was er an sich selbst entdeckt hatte, und von dem er wissen wollte, ob

es auch in den kleinen Swabedoodahs steckte. So belog er den kleinen

Swabedoodah ganz bewusst, setzte sich in den Eingang seiner Höhle

und wartete.

Vor seinem Haus in Swabedoo saß der kleine, verwirrte Swabedoodah

und grübelte vor sich hin. Nicht lange, so kam ein guter Bekannter vorbei,

mit dem er schon viele warme, weiche Pelzchen ausgetauscht hatte.

„Wie schön ist dieser Tag!“ rief der, Freund, griff in seinen Beutel,

und gab de m anderen ein Pelzchen. Doch dieser nahm es nicht freudig

entgegen, sondern wehrte mit den Händen ab. „Nein, nein! Behalte es

lieber,“ rief der Kleine, „wer weiß, wie schnell sonst dein Vorrat abnimmt.

Eines Tages stehst du ohne Pelzchen da!“ Der Freund stand ihn nicht

zuckte nur mit den Schultern, packte das Pelzchen zurück in seinen Beutel

und ging mit leisem Gruß davon. Aber er nahm verwirrte Gedanken

mit, und am gleichen Abend konnte man noch dreimal im Dorf hören, wie

ein Swabedoodah zum anderen sagte: „Es tut mir leid, aber ich habe kein

warmes, weiches Pelzchen für Dich. Ich muss darauf achten, daß sie mir

nicht ausgehen.“

Am kommenden Tag hatte sich dies alles im ganzen Dorf ausgebreitet.

Jedermann begann, seine Pelzchen aufzuheben. Man, verschenkte zwar

immer noch ab und zu eines, aber man tat es erst nach langer, gründlicher

Oberlegung und sehr, sehr vorsichtig. Und dann waren es zumeist nicht

die ganz besonders schönen Pelzchen, sondern die kleinen mit schon

etwas abgenutzten Stelle.

Die kleinen Swabedoodahs wurden misstrauisch. Man begann, sich argwöhnisch

zu beobachten, man dachte darüber nach, ob der andere wirklich

ein Pelzchen wert war.

Manche trieben es soweit, daß sie ihre Pelzbeutel nachts unter den Betten

versteckten. Streitigkeiten brachen darüber aus, wie viele Pelzchen

der oder der besaß. Und schließlich begannen die Leute, warme, weiche

Pelzchen gegen Sachen einzutauschen, anstatt sie einfach zu verschenken.

Der Bürgermeister von Swabedoo machte sogar eine Erhebung,

wie viele Pelzchen insgesamt vorhanden waren, ließ dann mitteilen, daß

die Anzahl begrenzt sei und rief die Pelzchen als Tauschmittel aus. Bald

stritten sich die kleinen Leute darüber, wie viele Pelzchen, eine Übernachtung

oder eine Mahlzeit im Hause eines anderen wert sein müsste.

Wirklich, es gab sogar einige Fälle von Pelzchenraub! An dämmerigen

Abenden fühlte man sich draußen nicht mehr sicher, an Abenden, an

denen früher die Swabedoodahs gern im Park oder auf den Straßen spazieren

gegangen waren, um einander zu grüßen, um sich warme, weiche

Pelzchen zu schenken.

Oben am Waldrand saß der große, grüne Kobold, beobachtete alles und

rieb sich die Hände.

Das Schlimmste von allem geschah ein wenig später. An der Gesundheit

der kleinen Leute begann sich etwas zu verändern. Viele beklagten sich

Ober Schmerzen in den Schultern und im Rücken, und mit der Zeit befiel

immer mehr Swabedood4hs eine Krankheit, die Rückgraterweichung genannt

wird. Die kleinen Leute liefen gebückt und in schweren Fällen bis

zum Boden geneigt umher. Die Pelzbeutelchen schleiften auf der Erde.

Viele fingen an zu glauben, daß die Ursache ihrer Krankheit das Gewicht

der Beutel sei, und daß es besser wäre, sie im Hause zu lassen, und dort

einzuschließen. Es dauerte nicht, lange, und man konnte kaum noch einen

Swabedoodah mit einem Pelzbeutel auf dem Rücken antreffen.

Der große, grüne Kobold war mit dem Ergebnis seiner Lüge sehr zufrieden.

Er hatte herausfinden wollen, ob die kleinen Leute auch so handeln

und fühlen würden wie er selbst, wenn er, wie das fast immer der Fall

war, selbstsüchtige Gedanken hatte. Sie hatten so gehandelt! Und der

Kobold fühlte sich sehr erfolgreich.

Er kam jetzt häufiger einmal in das Dorf der kleinen Leute. Aber niemand

grüßte ihn mit einem Lächeln, niemand bot ihm ein Pelzchen an. Stattdessen

wurde er misstrauisch angestarrt, genauso, wie sich die kleinen

Leute untereinander anstarrten. Dem Kobold gefiel das gut. Für ihn bedeutete

diese s Verhalten die „wirkliche Welt“!

In Swabedoo ereigneten sich mit der Zeit immer schlimmere Dinge. Vielleicht

wegen der Rückgraterweichung, vielleicht aber auch deshalb, weil

ihnen niemand mehr ein warmes, weiches Pelzchen gab wer weiß es

genau? starben einige Leute in Swabedoo. Nun war alles Glück aus dem

Dorf verschwunden. Die Trauer war sehr groß.

Als der große, grüne Kobold davon hörte, war er richtig erschrocken.

„Das wollte ich nicht“, sagte er zu sich selbst, „das wollte ich bestimmt

nicht. Ich, wollte ihnen doch nur zeigen, wie die Welt wirklich ist. Aber ich

habe ihnen doch nicht den Tod gewünscht.“ Er überlegte, was man nun

machen könnte, und es fiel ihm auch etwas ein.

Tief in seiner Höhle hatte der Kobold eine Mine mit kaltem, stacheligen

Gestein entdeckt. Er hatte viele Jahre damit verbracht, die stacheligen

Steine aus dem Berg zu graben und sie in einer Grube einzulagern. Er

liebte dieses Gestein, weil es so schön kalt war und so angenehm prickelte,

wenn er es anfasste. Aber nicht nur das: Er liebte diese Steine

auch deshalb, weil sie alle ihm gehörten und immer, wen er davor saß

und sie ansah, war das Bewusstsein, einen großen Reichtum zu besitzen,

für den Kobold ein schönes, befriedigendes Gefühl.

Doch jetzt, als er das Elend der kleinen Swabedoodahs sah, beschloss er,

seinen Steinreichtum mit ihnen zu teilen. Er füllte ungezählte Säckchen

mit kalten, stacheligen Steinen, packte die Säckchen auf einen großen

Handkarren und zog damit nach, Swabedoo.

Wie froh waren die kleinen Leute, als sie die stacheligen, kalten Steine

sahen! Sie nahmen sie dankbar an. Nun hatten sie wieder etwas, was sie

sich schenken konnten. Nur: Wenn sie einem anderen einen kalten, stacheligen

Stein gaben, um ihm zu sagen, daß sie ihn mochten, dann war

in ihrer Hand und auch in der Hand desjenigen, der den Stein geschenkt

bekam, ein unangenehmes, kaltes Gefühl. Es machte nicht so viel Spaß,

kalte, stachelige Steine zu verschenken wie warme, weiche Pelzchen.

Immer hatte man ein eigenartiges Ziehen im Herzen, wenn man einen

stacheligen Stein bekam. Man war sich nicht ganz sicher, was der Schenkende

damit eigentlich meinte. Der Beschenkte blieb oft verwirrt und mit

leicht zerstochenen Fingern zurück.

So geschah es, nach und nach, immer häufiger, daß ein kleiner Swabedoodah

unter sein Bett kroch, den Beutel‘ mit den warmen, weichen

Pelzchen hervorzog, sie an der Sonne ein wenig auslüftete, und, wenn

einer ihm einen Stein schenkte, ein warmes, weiches Pelzchen dafür zurück

gab. Wie leuchteten dann die Augen des Beschenkten! Ja, mancher

lief schnell in sein Haus zurück, kramte den Pelzbeutel hervor, um auch

an Stelle des stacheligen Steines ein Pelzchen zurückzuschenken. Man

warf die Steine nicht fort, o nein! Es holten auch nicht alle Swabedoodahs

ihre Pelzbeutelchen wieder hervor. Die grauen, stacheligen Steingedanken

hatten sich zu fest in den Köpfen der kleinen Leute eingenistet.

Man konnte es aus den Bemerkungen heraushören:

Weiche Pelzchen? Was steckt wohl dahinter?

Wie

kann ich wissen, ob meine Pelzchen wirklich erwünscht sind?

Ich gab ein warmes, weiches Pelzchen, und was bekam ich dafür?

Einen kalten, stacheligen Stein!

Das

soll mir nicht noch einmal passieren.

Man

weiß nie, woran man ist: heute Pelzchen, morgen Steine.

Wahrscheinlich wären wohl alle kleinen Leute von Swabedoo gern zurückgekehrt

zu dem, was bei ihren Großeltern noch ganz natürlich war.

Mancher sah auf die Säckchen in einer Ecke seines Zimmers, angefüllt

mit kalten, stacheligen Steinen, auf diese Säckchen, die ganz eckig waren

und so schwer, daß man sie nicht mitnehmen konnte, Häufig hatte

man nicht einmal einen Stein zum Verschenken bei sich, wenn man

einem Freund begegnete. Dann wünschte der kleine Swabedoodah sich

im geheimen und ohne es je laut zu sagen, daß jemand kommen möge,

um ihm warme, weiche Pelzchen zu schenken. In seinen Träumen stellte

er sich vor, wie sie alle auf der Straße mit einem fröhlichen, lachenden

Gesicht herumgingen und sich untereinander Pelzchen schenkten, wie

in den alten Tagen. Wenn er dann aufwachte, hielt ihn aber immer etwas

davon zurück, es auch wirklich zu tun. Gewöhnlich war es das, daß er

hinausging und sah, wie die Welt „wirklich ist“!

Das ist der Grund, warum das Verschenken von warmen, weichen Pelzchen

nur noch selten geschieht, und niemand tut es in aller Öffentlichkeit.

Man tut es im geheimen und ohne darüber zu sprechen. Aber es

geschieht! Hier und dort, immer wieder.

Ob Du vielleicht auch eines Tages … ?

Verfasser unbekannt.

Advertisements

2 Gedanken zu “DIE KLEINEN LEUTE VON SWABEDOO

  1. Ein kleines Büchlein mit schwarzem Pelzknäuel vornedrauf. In meiner Erinnerung ist es grün gewesen.

    Ich habs vor Ewigkeiten ebenfalls mal vorgelesen bekommen, sie nie vergessen, nur den Namen nich behalten.
    Ich habe gehofft, dass ich auf irgendeinen Weg wieder auf sie treffen würde.
    Danke dafür.

    • Gern. Ich habe eine Kopie (leider ohne Verfasser) zu Hause, allerdings ist der Text hier auf der Seite nicht von mir abgetippt. Aber ich denke über die paar Fehler kann man hinweg lesen ;) eine wunderbare Geschichte mit unendlicher Aktualität :)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s