Die Fahrpläne des Rings sind ein Mythos.

[Dieser Text erschien im Oktober 2016 bei www.imgegenteil.de]

 

Wenn man sich mit unbegrenzter Sehnsucht viel besser fühlt, als mit ausdefinierter und bestimmbarer Nähe. Wenn man alles, was diese Nähe ausmacht, anzweifelt und jegliche Geschehnisse, die diese Nähe produzieren, als blanken Hohn ansieht. Denn man kann ja auch ganz gut mit sich selbst, usw. Wenn man immer in diesen Schleifen denkt, bei denen die Knoten schon so festgezogen sind, dass niemand mehr sie lösen darf, soll und kann. Wenn man den Zustand des nicht Allein-, aber manchmal etwas Einsam-Seins als optimal ansieht, ein „super“ oder ein „besser geht es nicht“ drunter stempelt, man sich selbst genug ist und das feiert. Ausgiebig. Im Superlativ. Immer.

Wenn man alles zulässt, nur nicht das Zulassen von diesen Ängsten, die diese Distanzüberwindung produziert. Dann stellt man die Nähe vorsorglich auf „oberflächlich“ ein, begibt sich am liebsten direkt zum Ausgang, den Mantel stets über den Arm gelegt, um schnellstmöglich in die Winterkälte zurückkehren zu können und hört dort dann eben nur von Weitem zu, sieht, den Umständen entsprechend, nur kleine Fetzten dieses Dramas.

Selbst, wenn man gar nicht genau wissen kann, um was für eine Gattung es sich handelt, man weiß schlichtweg, dass das nicht episch werden wird. Was soll dort schon sonst aufgeführt werden, als eines dieser Stücke, bei denen es spätestens in der Mitte kritisch wird. Dabei sind Kopfhörer praktisch. Als wunderbare Ablenkung dienen bekannte Hits und Harmonien, die ein Ende haben, auch, wenn sie den Kopf niemals verlassen.

Wenn man Loslassen stets mit Wegschmeißen verwechselt und es immer wieder aufs Neue bemerkt. Wenn man vergisst, dass dem Finden nicht immer ein Suchen vorausgehen muss. Und dass wir den Zufall manchmal in Zeitlupe passieren. Dass außerdem dieses schöne Verb ‚finden’ eben auch in seiner passiven Verwendung existiert. Wenn man das Gefundenwerden einfach nicht zulässt, sondern sich dabei höchstens als die Pause dieses Stücks fühlt. Fühlen muss, weil es nicht anders geht. Weil da nichts Anderes hingehört.

Dann rennt man zum vielleicht 77sten Mal auf einen Berliner S-Bahnsteig, um in diesen Ring zu steigen. Die Minuten, wie sonst auch immer, fest im Griff, die Abfahrtzeiten halbsicher im Kopf und auf der Tafel leuchtet „Zug fällt aus“.

Dann begreift man vielleicht, dass man auch so ist, wie diese Fahrpläne, die es gibt, die von ausfallenden, gestörten, nicht fahrenden oder nicht funktionierenden Zügen verändert werden. Damit vorhersagbare Unvorhersehbarkeiten erzeugen. Warum das so ist, vermutet man bloß. Spinnt sich in Gedanken aus, wie, beinahe oder vielleicht auch tatsächlich, eine S-Bahn explodierte und ist froh darüber, nicht schon früher eingestiegen zu sein. Danach geht man dann vielleicht lieber erst einmal zu Fuß, kündigt dieses scheiß Abo und löscht mit der Zeit die Fahrpläne aus dem Kopf.

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